"Sell in may and go away" - Was ist dran an der Börsenweisheit?
- Depot-Detektiv
- Apr 20, 2022
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Der April neigt sich langsam dem Ende zu und viele Anleger fragen sich, ob sie nun lieber Gewinne mitnehmen sollten, besagt eine alte Börsenweisheit doch: "Sell in May and go away, but remember to come back in September." Der Ratschlag lautet also, man solle im Mai verkaufen und erst im September an die Börse zurückkehren. Doch woher stammt dieser Gedanke und hat sich der Sell-in-May-Effekt in der Vergangenheit tatsächlich bewahrheitet? Wir werfen einen Blick darauf, was es wirklich mit dieser Börsenweisheit auf sich hat.
Ursprung der "Sell in May"-Idee
Das Sprichwort lässt sich bereits auf die 1930er Jahre zurückführen und stammt aus Großbritannien. Die Ursprungs-Version nannte jedoch nicht direkt den September, sondern bezog sich auf den St. Leger Day, an dem Mitte September ein bekanntes Pferderennen stattfindet. So hieß es damals noch "Sell in May and go away, and don't come back till St. Leger Day". Hintergrund war, dass die vermögende Elite in Großbritannien während der Rennsaison in den Sommermonaten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts London und damit auch die Börse verließen, um aufs Land zu fahren. Die fehlenden Käufer machten sich natürlich an der Börse bemerkbar, sodass saisonale Muster in den Kursverläufen vieler Aktien zu erkennen waren. Im September, nach dem St. Leger Day, gab es dann wieder eine Trendwende, weil viele Käufer an die Börse zurückkehrten. Neuere Versionen empfehlen sogar einen noch späteren Wiedereinstieg. So besagt der Halloween-Effekt beispielsweise, dass es günstig sei, erst nach dem 31. Oktober wieder in Börsengeschäfte einzusteigen.

Die Börsenweisheit auf dem Prüfstand
Doch trifft der Sell-in-May-Effekt auch heute noch zu oder ist die Börsenweisheit längst verjährt? Allein an der Tatsache, dass auch neuere Versionen wie beispielsweise der Halloween-Effekt ein ähnliches Phänomen beschreiben, lässt bereits vermuten, dass doch etwas Wahres an der Idee, im Mai zu verkaufen, dran sein könnte. Dies belegen auch zahlreiche Studien, die sich mit dieser Thematik beschäftigten. So zeigte eine Studie aus dem Jahr 2002 von den Börsenexperten Sven Bowman und Ben Jacobsen einen Renditeunterschied von Sommer- zu Wintermonaten bei 35 von 37 Aktienmärkten, der in 20 Fällen sogar signifikant ausfiel. In einer historischen Analyse des Kapitalmarktes aus dem Jahr 2012 konnten Ben Jacobsen und Cherry Yi Zhang zudem in fast keinem der 65 Länder den Sell-in-May-Effekt widerlegen. Auch der Wirtschaftswissenschaftler Peter Arendas belegte, dass es in 105 von 120 Jahren beim Dow-Jones einen Renditerückgang über die Sommermonate gab. Während dieser von November bis April im Durchschnitt um 8,42 % stieg, konnte er von Mai bis Oktober lediglich einen durchschnittlichen Zuwachs von 1,56 % verzeichnen. Dies sei aber kein spezifisches Phänomen von US-Aktien, sondern kann bei sämtlichen Indizes gleichermaßen beobachtet werden. Genaue Gründe, warum die Börsenweisheit auch heute noch so oft zutrifft, konnten die Analysten bisher nicht eindeutig ausmachen. Immerhin muss man heute nicht mehr vor Ort sein, um Wertpapiere zu kaufen. Durch Online-Broker ist dies fast immer und fast überall möglich. Dennoch könnte ein Grund sein, dass die Menschen in den Sommermonaten aktiver sind, sich mehr draußen bewegen, Freizeitaktivitäten nachgehen und in den Urlaub fahren. Dadurch werden Börsengeschäfte in dieser Zeit eher vernachlässigt und entsprechend sinkt das Kaufvolumen. Zudem könnte im Laufe der Zeit auch eine Eigendynamik entstanden sein, da viele Anleger weiterhin auf die Börsenweisheit vertrauen und deshalb auch ohne bestimmten Grund ihre Anteile verkaufen.
Sollte man wirklich alles im Mai verkaufen?
Auch wenn es scheinbar tatsächlich einen Sell-in-May-Effekt gibt, ist es nicht immer ratsam, dieser Strategie zu folgen und alles im Mai zu verkaufen, um im September wieder einzusteigen. Denn auch wenn es zu einer Art Sommerloch kommt und die Kurse in dieser Zeit fallen sollten, so wurden die Verluste in den Wintermonaten in der Regel wieder aufgeholt und neue Allzeithochs erreicht. Wer also bereits günstig gekauft hat und dann langfristig am Ball geblieben ist, hat meist mehr Rendite erwirtschaftet, als derjenige, der immer wieder kauft und verkauft. Wer sein investiertes Kapital oder einen Teil davon jedoch in absehbarer Zeit benötigt bzw. ohnehin plant einige Titel abzustoßen, der könnte im April oder Anfang Mai einen guten Zeitpunkt abpassen, um auf einem hohen Niveau zu verkaufen, bevor die Kurse in den Folgemonaten sinken könnten. Allerdings bietet der Sell-in-May-Effekt auch gute Einstiegsmöglichkeiten. Viele Anleger warten auf Korrekturen, um bei bestimmten Titeln zugreifen zu können. Daher sollte man insbesondere in den Sommermonaten die Augen offen halten, da sich in dieser Zeit womöglich gute Gelegenheiten bieten werden, um sich bestimmte Aktien günstig ins Depot zu holen.
Was bringt der Mai 2022?
Zwar gab es in der überwiegenden Mehrheit der letzten 120 Jahre einen Sell-in-May-Effekt, jedoch auch nicht ausschließlich. In einigen Jahren blieb dieser völlig aus, sodass nicht grundsätzlich angenommen werden kann, dass die Aktienmärkte auch in diesem Jahr mit einem solchen Effekt reagieren werden. Zudem machen es die derzeitigen makroökonomischen und geopolitischen Problem schwer, Prognosen für die nächsten Monate abzugeben. Die Corona-Pandemie, der Ukraine-Krieg und die Angst vor einer kompletten Eskalation, Lieferkettenprobleme, eine immer höher werdende Inflation sowie eine aggressivere Zinspolitik seitens der Fed sorgen aktuell weiterhin für Verunsicherung an den Märkten. Eine Lösung der Probleme könnte der Börse auch über die Sommermonate hinweg wieder Auftrieb verleihen, ein Andauern bzw. eine Verschlimmerung der Krisen könnte Anleger hingegen auch über den September hinaus von Investitionen abhalten. Es bleibt also abzuwarten, ob sich die Börsenweisheit "Sell in May and go away, but remember to come back in September." auch in diesem Jahr bewahrheitet.













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